Kabuto King: Wie ein Sammler den Pokémon-Markt umkrempelt

Kabuto King: Wie ein Sammler den Pokémon-Markt umkrempelt

Was als scheinbar harmlose Sammelidee begann, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu einem der außergewöhnlichsten Phänomene, die der Pokémon-TCG-Markt je erlebt hat. Ein einzelner Sammler, online bekannt als Kabuto King, schaffte es, eine nahezu wertlose Karte aus den frühen Pokémon-Sets in den Mittelpunkt weltweiter Aufmerksamkeit zu rücken – und damit den Markt nachhaltig zu verändern.

Kabuto King machte öffentlich, dass er ein klares Ziel verfolgt: jede existierende First-Edition-Kabuto-Karte zu sammeln. Keine Varianten, keine unterschiedlichen Artworks, keine Abstufungen – immer dieselbe Karte. Im August startete er mit gerade einmal 69 Exemplaren. Zu diesem Zeitpunkt galt Kabuto als uninteressant, kaum gefragt und entsprechend günstig. Doch Kabuto King kaufte weiter. Konsequent, sichtbar und beinahe täglich.

Mit jedem neuen Kauf wuchs nicht nur sein Bestand, sondern auch das Interesse der Community. Innerhalb kurzer Zeit sammelte er fast 2.000 identische Karten, mittlerweile liegt der öffentlich bekannte Stand bei 3.271 Exemplaren. Parallel dazu begann etwas, das im modernen Sammelmarkt immer häufiger zu beobachten ist: Der Wert der Karte stieg nicht aufgrund ihrer Seltenheit oder Spielstärke, sondern aufgrund eines Narrativs.

Kabuto wurde plötzlich zum Gesprächsthema. Videos, Memes und Diskussionen verbreiteten sich auf Social Media, und mit der steigenden Aufmerksamkeit zog auch der Preis an. Eine Karte, die zuvor praktisch niemand haben wollte, kostete auf einmal über 40 US-Dollar pro Stück. Der Markt reagierte nicht rational, sondern emotional – ein Effekt, der durch soziale Netzwerke massiv verstärkt wurde.

Die Reaktionen der Community fielen dabei extrem unterschiedlich aus. Einige Sammler spendeten ihre Kabuto-Karten freiwillig, um das Projekt zu unterstützen. Andere wiederum reagierten mit Ablehnung oder Spott und posteten Videos, in denen sie Kabuto-Karten verbrannten oder sogar aßen. Paradoxerweise verstärkten gerade diese provokanten Gegenreaktionen die Reichweite und trugen weiter zur Mythologisierung der Karte bei.

Vom TCG zum Meme: Krypto-Hype und Marktverzerrung

Wie so oft ließ auch die nächste Eskalationsstufe nicht lange auf sich warten: Die Krypto-Szene sprang auf den Trend auf und erschuf einen Kabuto-Meme-Coin, der innerhalb kürzester Zeit auf eine Marktkapitalisierung von über 13 Millionen US-Dollar gepumpt wurde. Der Hype hatte den klassischen TCG-Markt längst verlassen und war zu einem Internet-Phänomen geworden.

Kabuto King selbst nutzte diesen Moment auf eine Weise, die viele überraschte. Als Dank an die Community versteigerte er eine First-Edition-Kabuto-Karte mit persönlicher Signatur auf eBay und kündigte an, den gesamten Erlös an das St. Jude’s Children’s Hospital zu spenden. Die Auktion entwickelte sich zum nächsten Spektakel: Kurz vor Ende lag das Höchstgebot bei 51.000 US-Dollar, angeblich von Logan Paul. In letzter Sekunde wurde dieses Gebot jedoch übertroffen – der finale Verkaufspreis lag bei 51.100 US-Dollar.

Damit war endgültig klar, dass es hier längst nicht mehr um den materiellen Wert einer Pokémon-Karte ging. Kabuto war zu einem Symbol geworden – für Meme-Kultur, für die Macht von Aufmerksamkeit und für die zunehmende Verschmelzung von Sammeln, Social Media und Spekulation.

Der Fall Kabuto King wirft damit eine grundsätzliche Frage auf: Handelt es sich um Marktmanipulation oder um eine legitime, neue Form des Sammelns? Einerseits wurde das Angebot gezielt verknappt, was unweigerlich zu steigenden Preisen führte. Andererseits geschah alles offen, transparent und ohne Täuschung. Jeder Marktteilnehmer konnte selbst entscheiden, ob er kauft, verkauft oder sich komplett heraushält.

Unabhängig von der Bewertung zeigt dieser Fall eindrucksvoll, wie fragil der moderne TCG-Markt geworden ist. Preise entstehen nicht mehr ausschließlich durch Seltenheit oder Nachfrage im klassischen Sinne, sondern durch Aufmerksamkeit, Storytelling und virale Dynamiken. Für Sammler und Investoren ist Kabuto King damit weniger eine Kuriosität als vielmehr ein Lehrstück.

Nicht jede Karte, die viral geht, wird langfristig ihren Wert halten. Doch dieser Fall macht deutlich, dass der Markt sich verändert hat – und dass man ihn nur noch verstehen kann, wenn man neben Pop-Reports und Angebotszahlen auch soziale Mechanismen im Blick behält.

Kabuto war nie besonders selten. Aber für einen Moment war es überall. Und genau das hat gereicht.


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